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Angelika - Ein Engel in Pflanzengestalt

von Gabriela Stark

mit freundlicher Genehmigung des Mittelaltermagazins Miroque

 

Hoch oben, im eisigen Norden von Island, Grönland und den Färöer-Inseln liegt das Ursprungsgebiet der Angelika (Angelica archangelica). Von dort verbreitete sie sich über Schottland, England und Dänemark weiter in die nördlichen Gebiete Skandinaviens. Die Angelika ist eine der wichtigsten Pflanzen der Nordmänner.

Angelika - eine der wichtigen Heilmittel

Sie gehörte zu den Gemüse- und Heilpflanzen und galt als universelles Heilmittel, das auf heimischen Märkten angeboten wurde. Dabei war sie so wichtig, dass gesetzliche Bestimmungen regelten, an welchen Stellen und zu welcher Zeit wilde Angelikapflanzen der Natur entnommen werden durften. Der Diebstahl einer Angelika aus einem Garten stand unter Strafe.

Erst im 10. Jahrhundert brachten die Nordmänner getrocknete Pflanzenteile und komplette Angelikapflanzen in die südlicheren Gefilde, wo die Pflanze völlig unbekannt war. Aus diesem Grund finden sich auch keinerlei Informationen in den antiken Medizinbüchern, bei Hildegard von Bingen und anderen Kräuterautoren.

Erst in der Mitte des 14. Jahrhunderts begann ihr Siegeszug als mitteralterliche Heilpflanze. Hier wurde sie bereits plantagenmäßig angebaut, und es gab eigens Pächter für Angelikafelder. Denn die Angelika avancierte zu einem Exportschlager, der in die Mittelmeerländer und bis in den Orient gehandelt wurde. Sie fand ihren Weg in die Bauerngärten und gehörte wie der Holunder zu den Haus- und Hofpflanzen. Selbst Nicolas Culpepper, der berühmte Arzt, Botaniker und Astrologe des 17. Jahrhunderts, hielt es in seinem Kräuterbuch “The Herbal” nicht für nötig, seine Leser über das Aussehen einer Angelika zu informieren. Er befand eine Beschreibung dieser Pflanze niederzuschreiben, die so bekannt ist und in jedem Garten wächst, für absolut nutzlos.

Und heute? Wahrscheinlich fragt sich nun der eine oder andere Leser, wie wohl eine Angelikapflanze aussieht, wo sie wächst und für was sie verwendet wird.

Etwas Botanik

Eine Angelika zu übersehen geht überhaupt nicht. Wer je vor einer Engelwurz stand, ist sofort fasziniert von ihrer Ausstrahlung, Kraft und den ausstrahlenden Lichtkräften. Sie erreicht mühelos Mannshöhe: Exemplare bis 2,50 m Höhe sind keine Seltenheit. Ihre großen Doldenblüten erheben sich wie sanfte Lichtschirme aus dem kraftvollen und dicken Pflanzenstiel und seinem weitgefächerten Blattwerk.

Ganz bewusst habe ich diese Pflanze bei einer Wanderung durch den Hunsrück wahrgenommen. Wir waren auf einer Tour durch die Ehrbachklamm. Am tiefsten Punkt dieser Schlucht gabelte sich das Wasser des kleinen Baches in zwei Teile, in dessen Mitte eine kleine Sandbank lag und darauf wuchs eine Waldangelika, die in voller Blüte stand. Ihre Blütenschirme reflektierten das Licht und gaben der Pflanze eine überirdische Ausstrahlung. Auch einige Teilnehmer unserer Wandergruppe konnten sich dieser Ausstrahlung nicht entziehen, auch wenn sie sich hinterher nicht erklären konnten, warum ausgerechnet sie an diesem Ort eine längere Kraft- und Erholungspause erfahren hatten.

Die Angelika benötigt viel Feuchtigkeit. Sie ist eine Pflanze, die man in Wäldern, auf feuchten Wiesen und an Ufern findet. Sie lässt sich problemlos kultivieren und ist eine sehr imposante Kübelpflanze, die allerdings erst im zweiten Jahr ihre Blütendolden zeigt.

Angelika, der Engel und der Schwarze Tod

Ihren wunderschönen Namen Engelwurz oder Erzengelwurz erhielt die Angelika in den Pestzeiten (1347 - 1351), als der Schwarze Tod Europa heimsuchte. Die Menschen suchten Heil in allen möglichen und unmöglichen Behandlungsformen und glaubten, dass der Erzengel Raphael persönlich die Angelika zur Hilfe in diesen schweren Zeiten auf die Erde gebracht hätte. Diesen Glauben drückt heute noch der botanische Name der Pflanze aus, denn Angelica archangelica kommt aus dem lateinischen “angelus” für Engel und “archangelus” für Erzengel.

Für Paracelsus war der Pflanzensaft der Engelwurz ein ganz besonderes Schutzmittel: “Ihr Saft ist die höchste Arznei gegen innere Infektionen durch die Luft und ein Schutzmittel gegen die Pest.” Der Begriff der Pestilenz umfasste nicht nur den Schwarzen Tod, sondern alle durch die Luft übertragenen Erkrankungen. Ebenso deutet der Name Engelwurz bereits darauf hin, welcher Pflanzenteil medizinisch verwendet wird: die Wurzel.

Während der Pestzeiten hielt sich die Ärzte oft mit Essig und Kräutern getränkte Schwämme oder Tücher vor Mund und Nase, um zu verhindern, dass die Pesterreger eingeatmet werden konnten. Die berühmte Schnabelmaske wurde erst im 17. Jahrhundert eingeführt. Dabei wurden in den Schnabel Kräuter wie zum Beispiel Wacholder gelegt und verglimmt. Ebenso trugen die Pestärtze getrocknete Angelikawurzelteile mit sich und nahmen diese ein, um sich zu schützen.

Auch der berühmte Vier-Räuber-Essig enthielt als wichtiges Mittel Engelwurz. Die vier Räuber raubten im mittelalterlichen Südfrankreich über viele Jahre Pesttote aus - und zwar, ohne sich selbst anzustecken. Ihr Geheimnis bestand aus einem Kräuteressig, der bald nach ihrer Verhaftung und Hinrichtung in jeder Apotheke angeboten wurde.

Ebenso war sie Bestandteil des berühmten Theriak und vieler Geheimmittel, Lebenselexiere und Tränke, die gegen alle Krankheiten und Ansteckungen helfen sollten. Bis heute hat sich der “Melissengeist” der Karmeliternonnen als Heilmittel bewährt und viele Kräuter- und Klosterliköre - wie zum Beispiel Chartreuse oder Schwedenbitter - enthalten die Wurzel der Angelika.

Wie man Angelika heute anwendet

Heute ist die Pest nicht mehr epidemienmäßig anzutreffen, die Pestilenz der durch die Luft übertragenen Erkrankungen aber - wie bei den Grippeviren - immer noch aktuell. Das ätherische Öl der Angelikawurzel gehört für mich zu den ganz starken Helfern in Erkältungs- und Grippezeiten, denn es stärkt damals wie heute die Abwehrkräfte und beugt der Ansteckung vor.

Ein besonders wichtiger Aspekt der Engelwurz ist ihre Schutzfunktion für die Seele. Hier kommen auch die ihr nachgesagten Engelkräfte zum Tragen. Mit einem Schutzöl bekommt man Mut, Stärke, Zuversicht und Energie, um seine Ängste vor bestimmten Situationen zu mindern und im besten Fall aufzulösen. Dies können schwierige Gespräche in problembehafteten Situationen sein wie ein beruflicher Neuanfang mit Umzug in eine andere Umgebung oder ähnliches.

Die Duftaura des Angelikawurzelöles trägt dazu bei, dass wir uns getröstet, behütet und beschützt fühlen können. In ihrem Duft steckt soviel Power, dass wir an Selbstbewusstsein hinzugewinnen und beherzt und mutig auftreten können. Besonders vor wichtigen Terminen oder schriftlichen und mündlichen Prüfungen, bei denen unsere Bauchängste überwiegen und es uns auf Magen und Darm schlägt, gibt sie uns Nervenstärke, stabilisiert den Kreislauf und lässt unseren Geist klar denken. Um diese Wirkung zu erfahren, reicht es, einen Tropfen des ätherischen Angelikawurzelöles pur und unverdünnt auf den Handinnenflächen zu verreiben und daran zu schnuppern.

Nicht nur aus diesem Grund nannte man sie in mittelalterlichen Zeiten eine Botin des Lichts. Ihr stimmungsaufhellender Duft vertreibt die depressiven Gedanken und vermittelt lichtvolle Ausblicke. Besonder sin der lichtarmen Winterzeit erhellen und erwärmen ihre Sonnenkräfte unser Gemüt. Ihre Lichtkräfte schützen ebenso bei Ängsten in der Dunkelheit, Schlaflosigkeit, Alpträumen und besänftigen unsere traumwandelnde Seele.

In der heutigen Medizin finden sich viele Medikamente mit Angelikawurzel bei Magen- und Darmproblemen. Die gleichen Wirkungen hat bereits Tabernaontanus in seinem “Neuwe Kreuterbuch” 1588 beschrieben: “Angelikawurzel erfreuet das Herz und treibet allen zähen Schleim und schädliche Materie aus dem Magen, vertreibet Unlust zur Speis und bringt wieder den verlorenen Appetit.” Dies liegt daran, dass ihre Inhaltsstoffe Fäulnisprozesse im Darm verhindern, Blähungen entgegenwirken und die Darmdurchblutung fördern.

Egal, auf welche Weise man die Wurzel der Angelika einsetzt: Als vielseitiges ätherisches Öl, als Schutzräucherung mit der getrockneten Wurzel, als Tinktur oder in einem Destillat (wie einem feinen Kräuterlikör) - ihre Sonnenkräfte entfachen unser Lebensfeuer und geben uns Mut, Power und Zuversicht in dunklen Tagen. Den Worten Tabernaemontanus braucht man nichts mehr hinzuzufügen: “Es ist, als wenn der Heilige Geist selber oder die lieben Engel dem menschlichen Geschlechte diese heilsame Wurzel geoffenbart hätten.”

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Alraunelinie

Quellen

Internet

Gabriela Stark - Angelikawurzel - Ätherisches Öl und Anwendung

Literatur

Wolf-Dieter Storl
Mit Pflanzen verbunden

Kosmos Verlag
ISBN 3-440-10332-3

Rippe, Madejesky, Amann, Ochsner, Rätsch
Paracelsusmedizin

AT Verlag
ISBN 3-85502-692-0